Mittelalterlicher Journalistenboykott
Mit höchstem Befremden haben der Zürcher Presseverein und die Freien Berufsjournalistinnen und -journalisten Zürich von der Praxis der Zürcher SVP-Gemeinderatsfraktion Kenntnis genommen, unliebsame Journalisten auf eine «schwarze Liste» zu setzen. Die Siegerpartei der letzten Wahlen, die überall gern ihre demokratische Legitimation herausstreicht, verweigert kritischen Journalisten jedes Gespräch. Doch die SVP verwechselt den «Anstand», den sie vermisst, mit Kritiklosigkeit. Das passt ins Bild der Neinsager-Partei: Sie entzieht sich dem Diskurs und teilt die Welt einmal mehr nach Belieben in Schwarz und in Weiss.
Leidtragende der willkürlichen Informationssperre waren und sind Journalisten von TeleZüri, Tages-Anzeiger und NZZ, die sich mit sogenannt pejorativer Berichterstattung und «schnoddrigen Abqualifizierungen» der übertriebenen Unbotmässigkeit schuldig gemacht haben sollen. Das Vorgehen bezeichnete SVP-Fraktionschef Thomas Meier gegenüber dem «Tages-Anzeiger» als «unschöne Sache», aber als notwendige Massnahme mit generalpräventiver Wirkung. Für Journalisten wirkt die pressefeindliche Massnahme eher wie eine vorweggenommene Bücher- bzw. Zeitungsverbrennung. Lebt die SVP noch im Zeitalter Gutenbergs, als man die Überbringer schlechter Nachrichten zu köpfen pflegte? Ausgerechnet die Volkspartei, die sich gegenüber politischen Gegnern keinerlei verbale Fesseln auferlegt, will die Zeitungen mit einer Praxis der Einschüchterung gefügig machen. Die Zürcher Journalistinnen und Journalisten sind nicht bereit, sich dieser anmassenden Verfügung zu fügen. Sie werden der SVP künftig noch genauer auf die Finger schauen als bisher.
Erwin Haas, Präsident Zürcher Presseverein Vivianne Berg, Präsidentin Freie Berufsjournalistinnen und -journalisten Zürich Dezember 99 |